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SoVD-Apell zum 1. Mai: Gute Arbeit, gerechte Löhne, sichere Zukunft

Aktuelles

Von der Geschichte wissen wir: Der 1. Mai ist kein Tag des bloßen Innehaltens. Er ist ein Tag des Aufbruchs, ein Tag der Forderung und ein Tag der Solidarität. Wenn wir heute auf die Straßen gehen oder in unseren Gemeinden zusammenkommen, dann tun wir das nicht aus nostalgischer Tradition. Wir tun es, weil die Frage, was Arbeit wert ist, die Schicksalsfrage unserer Gesellschaft bleibt.

Heute möchten wir über eine einfache, aber fundamentale Gleichung sprechen, die in den politischen Debatten der letzten Jahre oft hinter komplizierten Statistiken versteckt wurde. Diese Gleichung lautet: Faire Löhne heute sind die einzige Garantie für ein würdevolles Leben im Alter und die einzige wirksame Bremse für explodierende Sozialausgaben.

Arbeit muss mehr sein als das bloße Überleben
Wir leben in einem Land, das stolz auf seine wirtschaftliche Kraft ist. Doch diese Kraft speist sich nicht aus Algorithmen oder Aktiendepots allein – sie speist sich aus der täglichen Arbeit von Millionen Menschen. Vom Handwerk bis zur Pflege, vom Industriebetrieb bis zur Dienstleistung.
Doch die Realität sieht für zu viele Menschen anders aus. Wenn ein Mensch Vollzeit arbeitet und am Ende des Monats dennoch jeden Cent zweimal umdrehen muss, dann ist das nicht nur ein individuelles Problem. Es ist ein Systemfehler. Wer arbeitet, muss davon leben können – und zwar gut. „Fordernd“ sage ich deshalb: Schluss mit der Akzeptanz von Niedriglohnsektoren, die Menschen in die Abhängigkeit treiben!

Die Rente von morgen wird heute geschrieben
Der Zusammenhang zwischen Lohn und Rente ist untrennbar. Wer heute zu wenig verdient, zahlt heute zu wenig in unsere Rentenkassen ein. Die logische, bittere Konsequenz: Er oder sie wird im Alter auf staatliche Unterstützung angewiesen sein.
Wir führen oft Debatten über das Rentenniveau und das Renteneintrittsalter. Doch die ehrlichste Rentenpolitik findet am Verhandlungstisch der Tarifparteien statt. Ein fairer Lohn ist die beste Altersvorsorge. Wenn wir zulassen, dass Löhne gedrückt werden, unterschreiben wir heute bereits den Bescheid für die Altersarmut von morgen.
Es ist eine Frage der Generationengerechtigkeit. Wir können nicht von der Jugend erwarten, ein System zu tragen, wenn wir gleichzeitig zulassen, dass die Erwerbsbiografien der heute Arbeitenden durch zu niedrige Einkommen entwertet werden. Ein würdevoller Ruhestand ist kein Privileg, sondern der verdiente Lohn für ein Leben voller Einsatz. Diesen Anspruch müssen wir mit Nachdruck verteidigen.

Faire Löhne entlasten uns alle
Lassen Sie uns über die Sozialausgaben sprechen. Oft wird so getan, als seien hohe Sozialetats ein Naturereignis oder das Ergebnis von zu viel Großzügigkeit. Die Wahrheit ist: Ein erheblicher Teil unserer Sozialausgaben ist in Wahrheit eine indirekte Subvention für Unternehmen, die keine existenzsichernden Löhne zahlen.
Wenn der Staat das Einkommen von Vollzeitbeschäftigten durch Wohngeld oder andere Transferleistungen aufstocken muss, dann zahlt die Allgemeinheit die Zeche für die Unfairness am Arbeitsmarkt. Das ist ökonomisch unsinnig und gesellschaftlich destabilisierend.
Gerechte Löhne führen zu niedrigeren Sozialausgaben. Wer fair bezahlt wird, braucht keine staatliche Stütze. Wer fair bezahlt wird, trägt durch Steuern und Abgaben selbst dazu bei, dass unser Gemeinwesen funktioniert – dass Schulen gebaut, Straßen saniert und Krankenhäuser finanziert werden können. Fairness ist also kein Akt der Wohltätigkeit seitens der Arbeitgeber, sondern eine ökonomische Notwendigkeit für einen stabilen Staat.

Ein Bündnis der Vernunft
Der Ton mag fordernd sein, aber das Ziel ist verbindlich. Wir sitzen alle im selben Boot. Arbeitgeber, Arbeitnehmer und die Politik müssen begreifen, dass sozialer Friede nicht umsonst zu haben ist. Sozialer Friede basiert auf dem Versprechen: „Wenn du dich anstrengst, wenn du deinen Teil beiträgst, dann sorgt dieses System auch für dich.“
Wir brauchen eine Stärkung der Tarifbindung. Wir brauchen einen Mindestlohn, der diesen Namen auch verdient und vor Armut schützt – heute und im Alter. Und wir brauchen eine gesellschaftliche Wertschätzung für Arbeit, die sich nicht nur in warmen Worten bei Sonntagsreden ausdrückt, sondern in harten Zahlen auf dem Lohnzettel.

Der Appell zum 1. Mai
Lassen Sie uns diesen Tag der Arbeit nutzen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ein Kapitel, in dem wir Arbeit nicht nur als Kostenfaktor begreifen, sondern als das Fundament unseres Zusammenhalts.
An die Arbeitgeber appellieren wir: Sehen Sie faire Löhne als Investition in die Stabilität unseres Marktes und in die Loyalität Ihrer Fachkräfte.
 An die Politik appellieren wir: Schaffen Sie Rahmenbedingungen, die gute Arbeit belohnen und Ausbeutung verhindern.
 Und an uns alle, die Bürgerinnen und Bürger: Seien wir solidarisch. Fordern wir gemeinsam ein System ein, in dem Leistung sich lohnt – und zwar für alle, nicht nur für wenige.
Wenn wir heute für faire Löhne kämpfen, dann tun wir das für die Rentner von morgen, für die Steuerzahler von heute und für den sozialen Zusammenhalt von uns allen.

Eure Sabine Schwarz, Joachim Melchert, Armin Dötsch
Landesvorstand