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SoVD-Referentin Henriette Wunderlich zur geplante Rentenreform

Aktuelles

Die von der Bundesregierung geplante Rentenreform sorgt für Verunsicherung, das merkt auch der Sozialverband Deutschland tagtäglich in seinen Beratungen.

Henriette Wunderlich ist Referentin beim SoVD und erklärt im Interview bei rbb Inforadio was die Rentenkommission vorsieht und was es zu beachten gibt.

rbb: Frau Wunderlich, schon lange gibt es eine Debatte über eine geplante Rentenreform, die bei vielen Zukunftsängste auslöst. Mit welchen Sorgen wenden sich die Menschen an Sie und den Sozialverband Deutschland?

Henriette Wunderlich: Es wenden sich viele Menschen an uns, die die Nachrichten verfolgt und gehört haben, dass das Renteneintrittsalter weiter steigen und die Altersrente für besonders langjährig Versicherte abgeschafft werden soll. Sie fragen sich, ob sie das betrifft, ob ihre Planung noch beibehalten werden kann oder ob sie ihre Pläne über Bord werfen müssen.

Grundsätzlich kommen zu uns vor allem diejenigen, die keine hohe Rente zu erwarten haben oder krank sind, die eine Erwerbsminderungsrente beantragen oder die gesundheitlich nicht mehr in der Lage sind, überhaupt bis zum Renteneintritt zu arbeiten.

rbb: Können Sie denn schon einschätzen, welche Folgen die geplante Rentenreform für jetzige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben könnte?

Henriette Wunderlich: Das ist natürlich schwer, weil nach wie vor kein Gesetzentwurf vorliegt. Bundeskanzler Friedrich Merz hat ja gesagt, man wolle die Empfehlungen eins zu eins umsetzen. Dann muss man befürchten, dass auch die rentennahen Jahrgänge länger arbeiten müssen.

Zum Glück hat schon Bundessozialministerin Bärbel Bas gesagt, dass es großzügige Vertrauensschutzregelungen geben soll. Es muss alles erstmal durch das Parlament. Es gibt auch Abgeordnete, die an unserer Seite stehen und sagen, eigentlich darf sich gar nichts beim Renteneintritt verändern und wenn, dann nur mit sehr großzügigen Übergangsfristen.

Gerade auch in Berlin-Brandenburg gibt es zunehmend Menschen, die zu uns kommen und sagen: Ich weiß nicht, ob meine Planung noch Bestand hat, helft mir und sagt, was ich jetzt machen kann?

rbb: Gibt es rund um die geplanten Reformen mehr Beratungsbedarf beim Sozialverband

Henriette Wunderlich: Ja, den gibt es. Gerade auch in Berlin-Brandenburg gibt es zunehmend Menschen, die zu uns kommen und sagen: Ich weiß nicht, ob meine Planung noch Bestand hat, helft mir und sagt, was ich jetzt machen kann? Sollte ich zum Beispiel auch jetzt schnell meine Rente beantragen, damit die aktuellen Regelungen noch Bestand haben? Dann eventuell sogar mit Abschlägen, was ja auch fatal wäre.

Diese Debatte verunsichert die Menschen und nicht erst, seitdem die Empfehlungen raus sind. Ende vergangenen Jahres ist schon über das Rentenpaket diskutiert worden. Auch da haben bereits viele Menschen befürchtet, dass sie länger arbeiten müssen und weniger Rente bekommen werden. Es trägt ungemein zur Verunsicherung bei, wie über die gesetzliche Rente diskutiert wird.

rbb: Was raten Sie jemandem, der verunsichert ist und sich fragt, ob er so schnell wie möglich in Rente gehen sollte?

Henriette Wunderlich: Das wissen wir leider auch nicht. Wir müssen die gesetzlichen Regelungen abwarten. Jeder, der jetzt irgendwas sagt, ist unseriös.

rbb: Welche Altersgruppen sind aktuell besonders mit dem Thema Rente befasst?

Henriette Wunderlich: Es sind schon eher die rentennahen Jahrgänge, die zu uns kommen und nochmal gucken wollen, ob ihr Versicherungsverlauf vollständig ist. Wann sie überhaupt in Rente gehen können und welche Rentenarten es gibt.

Es wäre natürlich gut, wenn auch Jüngere sich frühzeitig Gedanken machen und schauen, ob der Versicherungsverlauf vollständig ist. Müssen Kindererziehungs-, Schul- oder Ausbildungszeiten nachgereicht werden? Das ist alles nicht automatisch im Versicherungsverlauf drin. Kann ich dann mit 62 oder 65 Jahren alles noch so nachweisen? Gibt es die Unterlagen noch? Oder wenn ich krank werde und die Erwerbsminderungsrente beantrage, habe ich ganz andere Sorgen, als irgendwelche Unterlagen zusammenzusuchen.

rbb: Interessiert die 30- bis 40-Jährigen das Thema Rente nicht?

Henriette Wunderlich: Das würde ich so nicht bestätigen. Aber das sind nicht die, die wir schwerpunktmäßig bei uns in der Beratung haben. Der Vorteil an der Debatte um den ganzen Generationenkonflikt bei der gesetzlichen Rente ist, dass Rente auch für jüngere Leute durchaus ein Thema ist. Das hat dazu beigetragen, dass sich viel mehr Menschen Gedanken machen - egal in welchem Alter.

rbb: Was könnte mit Blick auf die Rentenreform auf die Menschen zukommen?

Henriette Wunderlich: Ich kann natürlich auch nur spekulieren. Ich denke, dass nicht alles eins zu eins umgesetzt wird, was die Alterssicherungskommission vorgeschlagen hat. Dass nicht schnellstmöglich alles umgesetzt wird, was den Renteneintritt betrifft, sondern dass die Übergangsfristen großzügiger sein werden. Das hat auch die Debatte der Vergangenheit gezeigt. Sicherlich wird die gesetzliche Kapitalrente kommen, das ist ja ein Herzstück der Empfehlungen.

Ich habe eher die Sorge, dass die guten Sachen, die beschlossen oder empfohlen worden sind, hinten runterfallen. Die haben sich ja auch ganz stark für eine Erwerbstätigenversicherung ausgesprochen, damit alle in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Das wünschen sich die Menschen, wir haben dazu im April eine Umfrage gemacht [sovd.de]. Bei dem Thema haben die meisten gesagt, dass sie es richtig gut fänden, wenn auch Beamte einbezogen werden.

rbb: Worum geht es bei der Erwerbstätigenversicherung und was wird diskutiert?

Henriette Wunderlich: Bei der Erwerbstätigenversicherung geht es darum, dass alle Personengruppen einbezogen werden. Aktuell haben wir die gesetzliche Rentenversicherung für abhängig Beschäftigte. Daneben gibt es die Beamtenversorgung, Selbstständige können sich freiwillig versichern. Es gibt wenige Selbstständige, die in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert sind. Die sind dadurch oft von Altersarmut bedroht, weil die Absicherung unter Umständen fehlt.

Die Alterssicherungskommission hat nun gesagt, dass Selbstständige und auch Abgeordnete einbezogen werden sollen. Das ist aber eher symbolischer Natur, wenn man überlegt, dass Abgeordnete über die gesetzliche Rente entscheiden, selbst aber nicht im System versichert sind. Da wäre es gut, wenn sie mit einbezogen würden.

Mein Eindruck ist, wir reden die ganze Zeit über das Renteneintrittsalter, vielleicht noch über Minijobs, die laut Empfehlung auch rentenversicherungspflichtig sein sollen. Alle anderen Themen kommen nicht vor in der Debatte, dürfen aber nicht vergessen werden.

rbb: Welche Themen fehlen Ihnen bisher in der Debatte?

Henriette Wunderlich: Uns ist wichtig, dass die gesetzliche Rentenversicherung weiter gestärkt wird. Das Rentenniveau, wie wir es jetzt kennen, soll ja laut Empfehlung auslaufen. Es soll durch einen Kapitalstock ausgeglichen werden. Wir glauben aber nicht, dass das funktioniert, und sind skeptisch, was Kapitalanlagen angeht - gerade für so viele Menschen. Die brauchen Sicherheit im Alter. Die gesetzliche Rente ist eigentlich ein gutes System und krisenfest.

Wir fänden es daher besser, wenn jeder Euro in die gesetzliche Rentenversicherung gesteckt wird und dass die Menschen auch dann in Rente gehen können, wenn sie gesund sind und lange gearbeitet haben. Und dass man mehr dafür tut, dass die Menschen überhaupt gesund bis ins Regelrenten-Eintrittsalter kommen.

rbb: Was fordern Sie als Sozialverband von einer anstehenden Rentenreform?

Henriette Wunderlich: Aus unserer Sicht müssen alle in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden, also nicht nur Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sondern auch Beamte, Selbstständige und Mandatsträger:innen. Und dann gibt es noch Mitglieder, die in den berufsständischen Versorgungswerken sind wie Ärzte, Zahnärzte oder Anwälte. Alle in ein System, alle zu gleichen Bedingungen. Das würde das System fairer und solidarischer machen.

Wichtig ist auch, dass es eine Freibetragsregelung in der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung geben soll. Die gibt es aktuell nur, wenn ich eine bestimmte Anzahl von Grundrentenjahren habe. Wir fordern schon lange, dass es die unabhängig davon geben muss. Wer eine gesetzliche Rente bekommt und trotzdem auf Grundsicherung angewiesen ist, muss mehr haben als jemand, der nie Beiträge gezahlt hat. Das wäre extrem wichtig zur Vermeidung von Altersarmut.

Quelle: Sendung: rbb|24, 22.09.2026, 06:10: Uhr,  Audio: rbb|24, 22.09.2026, Lisa Splanemann Es handelt sich um eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version des Gesprächs.